Limen Erhebung · September 2026

Barrierefreiheit im deutschen Web

Wir haben 1.352 deutsche Startseiten in einem echten Browser geladen und gegen WCAG 2.1 Level A und AA geprüft. 1.295 davon sind durchgefallen. Für Deutschland gibt es keine Entsprechung zum WebAIM-Million-Report, also haben wir die Zahlen selbst erhoben.

Erhoben am 3. September 2026, im Browser neu gemessen am 11. Oktober 2026 · Stichprobe n = 1.352 · Prüfengine: Limen, 27 Prüfungen · Es wird keine einzelne Seite genannt.

Methodenwechsel · 11. Oktober 2026

Die erste Fassung vom 3. September hat den rohen HTML-Code geprüft, so wie der Server ihn ausliefert. Dabei zählen auch Elemente, die eine Seite nie anzeigt, etwa ein leerer Warenkorb-Link, den ein Theme erst per JavaScript befüllt und bis dahin verbirgt. Deshalb haben wir dieselben Hosts am 11. Oktober erneut besucht, jede Startseite in Chromium geladen, ihre Skripte laufen lassen und vor der Prüfung alles entfernt, was der Browser nicht darstellt.

Erste Fassung (roher HTML-Code) und Neumessung (dargestellte Seite)
Kennwert3. Sept., roh11. Okt., dargestellt
Seiten1.4531.352
Mindestens ein bestätigter Fehler96,6 %95,8 %
Fehler im Median129
Link ohne zugänglichen Namen40,5 %39,2 %
Button ohne zugänglichen Namen24,7 %14,3 %

Die Schlagzeile hält: Fast jede Startseite hat mindestens einen bestätigten Fehler, ob roh oder dargestellt. Die typische Seite war aber überzeichnet: Der Median sinkt von 12 auf 9. Korrekturen der Prüfengine seit September senken ihn auf 10, die kleinere Stichprobe hebt ihn wieder auf 11, das Rendern senkt ihn auf 9. Am stärksten überzeichnet waren Buttons ohne Namen: Menü- und Karussell-Schaltflächen für andere Bildschirmbreiten. Unbenannte Links sind dagegen fast genauso häufig wie zuvor, weil Skripte auch neue einfügen, etwa Social-Media-Symbole. Das Rendern wirkt in beide Richtungen.

Die Zahlen auf dieser Seite sind die der Neumessung. Wer die erste Fassung zitiert hat, findet ihre Werte in der Tabelle oben.

Fast nichts besteht die Prüfung

Wir haben die deutschen Domains aus dem Tranco-Forschungsranking der meistaufgerufenen eine Million Domains genommen, je eine Startseite in einem echten Browser geladen und die produktive Prüfengine über die dargestellte Seite laufen lassen. Keine Vorauswahl nach Seitentyp, keine Rosinenpickerei.

95,8 %mit mindestens einem bestätigten Fehler
1.295von 1.352 Seiten
9Fehler im Median
352schlechteste Einzelseite
Verteilung der bestätigten Fehler pro Seite
Perzentilp10p25 Medianp75p90 p99Max.
Fehler 24921 45171352

Der Mittelwert liegt bei rund 20, und wir stellen ihn bewusst nicht in die Überschrift. Eine einzelne Seite mit 352 sich wiederholenden Fehlern zieht einen Durchschnitt weit über alles Typische hinaus; der Mittelwert würde die typische Seite um mehr als das Doppelte überzeichnen. Der Median ist die ehrliche Zahl: eine typische deutsche Startseite hat rund neun bestätigte WCAG-2.1-A/AA-Fehler.

57 von 1.352 Seiten waren sauber. Das ist kein Markt mit einem Compliance-Problem am Rand. Das ist ein Markt, in dem Barrierefreiheit die Ausnahme ist.

Externe Bestätigung

WebAIMs jährliche Analyse der eine Million meistaufgerufenen Startseiten findet regelmäßig auf rund 95 % von ihnen erkennbare WCAG-Verstöße. Unsere unabhängig entwickelte Engine landet auf einer Stichprobe eines anderen Landes weniger als einen Prozentpunkt daneben, und daran hat auch der Wechsel auf dargestellte Seiten kaum etwas geändert.

Das ist wichtiger als die Schlagzeile selbst: Es zeigt, dass die Engine keine aufgeblähten Zahlen zugunsten des Produkts produziert, zu dem sie gehört. Wo einzelne Werte doch überzeichnet waren, steht das oben.

Was tatsächlich kaputt ist

Jeder Fehler unten ist bestätigt, also aus dem Code der dargestellten Seite reproduzierbar. Prüfpunkte, die ohne menschliches Urteil nicht zu entscheiden sind, werden vollständig ausgeschlossen und nirgends mitgezählt.

Anteil der 1.352 Startseiten, die die jeweilige Prüfung nicht bestehen

Link ohne zugänglichen Namen39,2 %
Doppeltes id-Attribut35,9 %
Überschriftenebene übersprungen30,0 %
Formularfeld ohne Label29,7 %
Linktext beschreibt das Ziel nicht29,5 %
Kein main-Landmark28,0 %
Kein Sprunglink zum Inhalt26,5 %
Keine Überschrift erster Ebene24,8 %
Bild ohne Alternativtext19,7 %
Zu geringer Textkontrast18,0 %
Button ohne zugänglichen Namen14,3 %
Dateiname als Alternativtext13,8 %
Versteckt, aber noch fokussierbar13,8 %
Platzhalter statt Label12,5 %

Anteil der 1.352 geprüften deutschen Startseiten, die die jeweilige WCAG-Prüfung nicht bestehen: Link ohne zugänglichen Namen 39,2 %, doppeltes id-Attribut 35,9 %, Überschriftenebene übersprungen 30,0 %, Formularfeld ohne Label 29,7 %, Linktext beschreibt das Ziel nicht 29,5 %, kein main-Landmark 28,0 %, kein Sprunglink 26,5 %, keine Überschrift erster Ebene 24,8 %, Bild ohne Alternativtext 19,7 %, zu geringer Textkontrast 18,0 %, Button ohne zugänglichen Namen 14,3 %, Dateiname als Alternativtext 13,8 %, versteckt aber fokussierbar 13,8 %, Platzhalter statt Label 12,5 %.

Die häufigsten Fehler sind zugleich die billigsten. Ein fehlender Sprunglink, ein fehlendes <main>-Element, ein Suchfeld ohne Label: jeweils wenige Zeilen, einmal im Template angewendet, und alle Seiten sind auf einmal repariert.

Was das Gesetz tatsächlich verlangt

Geprüft am Gesetzestext und an der Bundesfachstelle Barrierefreiheit, weil vieles, was zum BFSG veröffentlicht wird, auf eine Weise falsch ist, die zufällig die Dringlichkeit erhöht.

Zwei Behauptungen, die wir nicht belegen konnten

„Behörden scannen ab Q3 2026 automatisiert Tausende Shops." Dafür gibt es keine offizielle Quelle. Die Bundesfachstelle beschreibt die Marktüberwachungsstellen als Anlaufstelle für Verbrauchermeldungen. Auslöser ist eine Beschwerde, keine Rasterfahndung.

„Die Kleinstunternehmen-Ausnahme endet am 1. Januar 2027." Falsch. Weder das Gesetz noch die Behörde noch die anwaltliche Kommentierung nennen ein Ablaufdatum.

Beide stammen aus Anbieter-Marketing. Wenn Sie weniger als zehn Beschäftigte haben, prüfen Sie zuerst, ob das BFSG für Ihren Shop überhaupt gilt, bevor Sie Geld für Beratung oder Werkzeuge ausgeben.

Was diese Daten sind und was nicht

Deutlich gesagt, weil ein Bericht, der die Methodik anderer korrigiert, seine eigene offenlegen sollte.

Methode
ParameterWert
StichprobenrahmenDeutsche (.de) Domains aus dem Tranco-Forschungsranking
EinheitNur die Startseite, ein Besuch pro Host in Chromium (Desktop, 1280 × 900 Pixel), kein Crawling. Skripte laufen, und was der Browser nicht darstellt, wird vor der Prüfung entfernt
Stichprobengröße1.352 dargestellte und geprüfte Seiten, 0 Prüfabbrüche. Dieselben 1.453 Hosts wie in der ersten Fassung; 101 davon ließen sich am 11. Oktober nicht prüfen (siehe unten)
StandardWCAG 2.1 Level A und AA, 27 automatisierte Prüfungen
GezähltNur bestätigte Fehler. Prüfpunkte, die ein menschliches Urteil erfordern, sind ausgeschlossen
Ethikrobots.txt wurde vor jedem Besuch je Host beachtet. Bot-Schutz wird nicht umgangen. Veröffentlicht wird nur aggregiert, keine Seite wird genannt

Fünf Einschränkungen, die wir nicht verstecken

Offenlegung. Limen entwickelt Limen, ein Prüfwerkzeug für WCAG. Die Zahlen dieser Erhebung stammen aus derselben Engine, die auch im Produkt arbeitet. Wer nach dem BFSG ausgenommen ist, ist ausgenommen, und sollte nichts kaufen.