Warum Ihr Accessibility-Widget Sie nicht geschützt hat
Im Jahr 2025 hatten 983 der 3.948 in den USA verklagten Websites bereits ein Overlay oder Widget installiert — knapp jede vierte. Das Werkzeug war da. Die Klage kam trotzdem.
Die US-Handelsbehörde FTC hat gegen accessiBe eine Zahlung von einer Million US-Dollar durchgesetzt, weil das Versprechen, jede Website per KI-Widget WCAG-konform zu machen, „falsch, irreführend oder unbelegt“ war.
Wenn Sie eines einsetzen, sind Sie nicht der Täter, sondern der Kunde. Dieser Artikel erklärt, warum die Technik nicht halten kann, was verkauft wurde — und was stattdessen trägt.
Was verkauft wurde
Das Versprechen ist in allen Varianten dasselbe: eine Zeile JavaScript einbinden, und die Website wird automatisch barrierefrei. Kein Eingriff ins Theme, keine Entwicklerzeit, meist ein überschaubarer Monatsbetrag. accessiBe warb ausdrücklich damit, jede Website innerhalb von 48 Stunden WCAG-konform zu machen.
Für einen Shopbetreiber unter Zeitdruck ist das genau die richtige Antwort auf die falsche Frage.
Die Zahl, die die Diskussion beendet
Nach den Auswertungen der einschlägigen Klage-Tracker wurden 2025 in den USA 3.948 Klagen wegen digitaler Barrierefreiheit eingereicht — rund 24 Prozent mehr als im Vorjahr. Von den beklagten Websites hatten 983 bereits ein Overlay oder Widget im Einsatz. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 456 Verfahren, also 22,6 Prozent.
Anders gesagt: Ungefähr jede vierte verklagte Website hatte das Produkt gekauft, das solche Klagen verhindern sollte.
Einordnung zur Quelle: Diese Zahlen stammen aus Auswertungen von Anbietern und Beratungen im Barrierefreiheitsmarkt, nicht aus einer amtlichen Statistik. Diese Anbieter haben ein eigenes Interesse. Die Größenordnung wird allerdings von mehreren unabhängigen Trackern übereinstimmend berichtet, und die Richtung deckt sich mit der FTC-Entscheidung.
Für das deutsche BFSG gibt es noch keine vergleichbare Datenreihe — die Pflicht gilt erst seit Juni 2025. Der Mechanismus ist aber derselbe: Ein Widget ändert nichts an dem, was im Quelltext steht.
Was die FTC festgestellt hat
Im Januar 2025 veröffentlichte die Federal Trade Commission einen Vergleichsvorschlag gegen accessiBe; im April 2025 wurde die endgültige Anordnung erlassen. Kernpunkte:
- Eine Million US-Dollar Zahlung.
- Die Behauptung, das Werkzeug könne jede Website WCAG-konform machen, sei „falsch, irreführend oder unbelegt“.
- Zusätzlich beanstandete die FTC, das Unternehmen habe Bewertungen auf Drittseiten bezahlt, die als Meinung unabhängiger Autoren und Publikationen gestaltet waren, ohne die geschäftliche Verbindung offenzulegen.
Der letzte Punkt verdient Aufmerksamkeit. Wenn Sie sich vor dem Kauf umgesehen und überwiegend positive Fachbeiträge gefunden haben: Ein Teil dessen, was Sie gelesen haben, war möglicherweise bezahlt.
Warum die Technik nicht halten kann, was versprochen wurde
Das ist kein Vorwurf schlechter Ausführung. Es ist eine Grenze der Bauart.
Ein Skript läuft, nachdem die Seite geladen ist
Ein Overlay wird im Browser ausgeführt, wenn das Dokument bereits ausgeliefert ist. Assistive Technologien lesen jedoch weitgehend das, was der Browser als Struktur bereitstellt. Nachträglich aufgesetzte Korrekturen greifen deshalb oft zu spät oder unvollständig.
Ein Alternativtext ist eine Ermessensentscheidung
Ein Werkzeug kann erkennen, dass ein Alternativtext fehlt. Ob „Keramiktasse, mattschwarz“ oder „Zum Warenkorb hinzufügen“ richtig ist, hängt davon ab, wozu das Bild an dieser Stelle dient. Automatisch erzeugte Beschreibungen sind allenfalls ein Entwurf — und ein falscher Alternativtext ist für eine blinde Nutzerin schlechter als gar keiner, weil er Verlässlichkeit vortäuscht.
Manche Prüfpunkte sind maschinell nicht entscheidbar
Ob die Fokusreihenfolge sinnvoll ist, ob eine Fehlermeldung verständlich erklärt, was zu tun ist, ob eine Person mit Tastatur den Bestellvorgang zu Ende führen kann — das sind Urteile, keine Messungen. Kein Skript trifft sie.
Und Overlays können aktiv schaden
In Klageschriften des Jahres 2025 wurde zunehmend ausdrücklich auf eingesetzte Widgets Bezug genommen — mit dem Vorwurf, sie störten Screenreader oder erzeugten zusätzliche Hindernisse. Ein Werkzeug, das die eigene Bedienoberfläche über die Seite legt, konkurriert mit der Software, die die Nutzerin ohnehin verwendet und beherrscht.
Mehr als 600 Fachleute für digitale Barrierefreiheit haben das Overlay Fact Sheet unterzeichnet, das festhält, dass Overlays keine Konformität herstellen.
Was das für das BFSG bedeutet
Ein Widget ist keine Verteidigung. Beanstandet wird, was Ihr Shop tatsächlich ausliefert — fehlende Formularbeschriftungen, Bilder ohne Alternativtext, unzureichende Kontraste, fehlende Sprachauszeichnung. Diese Mängel stehen in Ihrem Theme, und dort bleiben sie, solange ein Skript sie lediglich zu überdecken versucht.
Es kommt schlimmer: Das sichtbare Barrierefreiheits-Symbol in der Ecke Ihrer Seite ist für jeden, der gezielt nach Zielen sucht, ein Erkennungszeichen. Es signalisiert, dass hier jemand ein Problem vermutet und die billigste Lösung gewählt hat.
Was stattdessen trägt
- Feststellen, was tatsächlich fehlschlägt. Ein automatisierter Test findet zuverlässig die mechanischen Mängel, die in Beanstandungen vorkommen. Er findet etwa ein Drittel aller Barrieren — das sagen wir deutlich, weil jeder, der Ihnen mehr verspricht, Sie belügt.
- Im eigenen Theme beheben. Die meisten dieser Mängel sind kleine Änderungen an der Vorlage, nicht an tausend Einzelseiten.
- Mit Datum dokumentieren. Was wann geprüft und behoben wurde. Das ist das Dokument, das im Ernstfall zählt.
- Den Rest von einem Menschen prüfen lassen. Idealerweise lassen Sie eine Person, die einen Screenreader täglich benutzt, einen echten Kauf durchführen. Dieser eine Test findet mehr als jedes Werkzeug, und er kostet einen Bruchteil eines Vergleichs.
- Überwachen, statt einmalig zu prüfen. Jedes Theme-Update kann einen behobenen Mangel zurückbringen. Ein Prüfbericht vom März sagt nichts über den Shop im November.
Wenn Sie ein Overlay im Einsatz haben
Entfernen Sie es nicht überstürzt — prüfen Sie zuerst, worauf Ihre Seite es tatsächlich stützt. Manche Shops nutzen die Kontrast- oder Schriftgrößenfunktion als einzige derartige Einstellmöglichkeit.
Prüfen Sie dann in dieser Reihenfolge:
- Was findet ein Test ohne das Widget? Das ist Ihr tatsächlicher Stand.
- Beheben Sie diese Mängel im Theme.
- Prüfen Sie danach, ob das Widget überhaupt noch etwas beiträgt.
- Prüfen Sie Ihren Vertrag: Laufzeit, Kündigungsfrist, und was Ihnen zugesichert wurde. Wenn Ihnen Konformität versprochen wurde, ist die FTC-Entscheidung eine Tatsache, die Ihre Anwältin kennen sollte.
Quellen
- Federal Trade Commission — Anordnung gegen accessiBe über 1 Mio. US-Dollar wegen irreführender Angaben, Vergleichsvorschlag Januar 2025, endgültige Anordnung April 2025
- Auswertungen zu US-Klagen wegen digitaler Barrierefreiheit 2025 (3.948 Verfahren; 983 betroffene Websites mit Overlay). Anbieter- und Beratungsquellen, keine amtliche Statistik.
- Overlay Fact Sheet, unterzeichnet von über 600 Fachleuten für digitale Barrierefreiheit
- Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG); Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), § 3a
Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Er gibt den Stand vom 2. September 2026 wieder. Die genannten Zahlen zu US-Klagen stammen aus Marktauswertungen und sind als Größenordnung zu verstehen, nicht als amtlich festgestellte Werte.
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- BFSG-Abmahnung erhalten: Was in den ersten 48 Stunden zählt — falls bereits ein Schreiben vorliegt.